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| Perspektive September 2010 |
Thema:
Ein heiliger Gott |
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Inhalt:
 | DENKEN | • Der nahe und der ferne Gott • Lass Gott GOTT sein!
|  | GEMEINDE | •
Jubiläum Bibelschule Burgstädt
|  | LEBEN
| • Heimweh • Ehe lernen... |  | GLAUBEN | • Leben wir als Kinder oder als Sklaven? • Gefährliche Herrlichkeit
|  | GESELLSCHAFT | • Diakonie ist kein Selbstzweck
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Der nahe und der ferne Gott
„Bin ich etwa nur ein Gott aus der Nähe, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott aus der Ferne?“ Wenn wir diese Selbstbeschreibung Gottes auf uns wirken lassen, dann haben wir vielleicht ähnliche Empfindungen wie die Israeliten, denen Jeremia dieses Gotteswort zurufen musste (Jeremia 23,23). Wir sind verunsichert und erschrocken. Gott soll ferne sein? Er ist doch unser Gott. Er ist uns so vertraut. Er selbst hat uns doch versprochen, immer ganz nahe zu sein? Und haben wir diese Nähe Gottes nicht schon in vielen Erfahrungen des Glaubens unmittelbar gespürt?
Tatsächlich beherrscht der Gedanke der unmittelbaren Nähe und Vertrautheit Gottes unsere Vorstellung von ihm. Und das zu Recht, wie wir sehen werden. Aber trotzdem ist Gott nicht nur ein Gott der Nähe. Er ist auch ein Gott der Ferne. Dieser Spannung und der daraus folgenden Verunsicherung müssen wir uns als Christen stellen. Wir müssen von der Ferne und der Nähe Gottes so sprechen, dass unser Gottesbild auf der einen Seite nicht auseinander bricht und auf der anderen Seite nicht einseitig und verkürzt ist.
Wer nach dem Verhältnis von Nähe und Ferne Gottes fragt, kann das aus unterschiedlichen Motiven tun. Zunächst einmal handelt es sich um eine theologische Fragestellung. Wie weit ist der Gedanke der Nähe Gottes eigentlich zu denken? Umgibt uns Gott unsichtbar? Nimmt er Anteil an uns? Wenn ja, meint er es gut mit uns? Ist er uns gar so nahe, dass wir als Ebenbild Gottes sogar ein Teil seiner selbst sind? Oder ist Gott vielleicht so weit entfernt, dass wir gar keine Aussage über ihn machen können? Dann wäre es tiefste theologische Einsicht, über Gott zu schweigen und nur zu sagen, dass er ist - irgendwo, weit weg von uns und unserem Leben. Die Frage nach der Nähe und Ferne Gottes kann sich aber auch als existentiale Frage stellen. Dann erwächst sie aus persönlicher Betroffenheit, weil Schweres und Unverständliches über uns hereingebrochen ist, das eine Deutung und Antwort sucht. Es ist die Frage eines Hiob: „Gott, wo bist du? Warum lässt du das zu? Du warst mir immer nahe; aber jetzt bist du in unendliche Ferne gerückt.“ So oder ähnlich haben wir uns am 11. September 2001 gefragt, als innerhalb weniger Minuten mehr als 3000 Menschen ums Leben kamen: Ist Gott uns wirklich nah? Oder ist Gott doch eher ein Gott der Ferne?
Jochen Klepper war ein christlicher Dichter des letzten Jahrhunderts. Im Jahr 1939 heiratete eine Jüdin, die zwei Töchter mit in die Ehe brachte. Als sich die grausame Vernichtung der Juden immer klarer abzeichnete, versuchte Klepper, Nazi-Deutschland zu verlassen. Es gelang ihm allerdings nur, eine der beiden Töchter aus dem Land zu schaffen. Angesichts der unausweichlichen Vernichtung im Konzentrationslager nahm er sich zusammen mit seiner Frau und der in Deutschland verbliebenen Tochter das Leben. Das war sicherlich eine sehr problematische Entscheidung. In einem Geburtstagslied, von dem ich nur die ersten beiden Strophen zitieren möchte, stellt Klepper die durchlebte Spannung zwischen dem Gott der Ferne und dem Gott der Nähe in einer einzigartigen Art und Weise dar.
„Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.
Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.“
Gott ist uns als der Ewige und Heilige unendlich fern und gleichzeitig unbeschreiblich nahe und vertraut. Er ist unser Schöpfer, der wie ein liebender Vater jeden einzelnen meint. Und dennoch ist er auch der unbekannte Gott, der in einem unnahbaren Licht wohnt. Wir können ihn weder theologisch fassen noch seine Absichten mit schweren Wegführungen ergründen. Er ist nah und fern zugleich. Beides gilt in ganzem Umfang. Aber wie ist die Spannung nun konkret zu denken, und wie gehen wir in der Praxis damit um? Dazu möchte ich einige Leitlinien ziehen.
1. Gott ist unser liebender Vater, der uns in Christus ganze nahe gekommen ist.
Die Tatsache, dass Gott seiner Schöpfung und besonders seinen Menschen ganz nahe ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Alte und Neue Testament. Ich möchte nur schlaglichtartig auf einige Gesichtspunkte hinweisen, die diese Nähe Gottes zu uns anzeigen.
Da fällt zunächst der vertraute Umgang Gottes mit Adam und Eva auf. Sie sind in seinem Bild geschaffen und auf Gemeinschaft mit Gott angelegt. Gott erschafft ihnen einen idealen Lebensraum. Er spricht mit ihnen und scheut sich nicht, Gemeinschaft mit seinem Geschöpf zu pflegen (1. Mose 1-2). Selbst nach der Auflehnung gegen Gott und der daraus folgenden Trennung von ihm, bleibt der Herr in ihrer Nähe und vernichtet seine widerspenstige Kreatur nicht (1. Mose 2,8). Er bleibt ein Gott der Nähe und wird zum Gott der Väter. Er ist der Freund Abrahams, und Abraham wird Freund Gottes genannt (2.Chronik 20,7; Jakobus 2,23). Durch alle Irrungen und Wirren menschlichen Lebens, durch Kämpfe und Versagen hindurch bleibt Gott den Vätern treu. Diese Treue besiegelt er sogar mit einem Bund (2. Mose 19,5-6; 24,1-18). Der ewige und souveräne Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, erwählt sich ein Volk, gleichsam als Braut. Er bindet sich selbst und verpflichtet sich ihm gegenüber zu uneingeschränkter Treue. In einer Wolkensäule bei Tag und in einer Feuersäule bei Nacht zeigt er, dass er bei seinem erwählten Volk ist, das er aus Versklavung herausgeführt hat (2. Mose 13,21). Die Stiftshütte und dann der Tempel sind Ort der Nähe Gottes. Die Opfer, die darin dargebracht werden, überwinden immer wieder neu die Schuld und schaffen Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott (3. Mose 16). Gott ist nah, seinem Volk und jedem einzelnen, der ihn von Herzen anruft.
Diesen Gott der Nähe finden wir nun auch im Neuen Testament. Es ist der gleiche Gott. Aber wir erleben die Nähe Gottes nun noch viel klarer und deutlicher. Gott nämlich wird Mensch. Das ist die wichtigste und deutlichste Nachricht über die Nähe Gottes. Gott hat sich mitten in diese Welt hineinbegeben und ist als ihr Schöpfer ganz auf Tuchfühlung mit ihr gegangen. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus (Johannes 14,9), und demonstriert die Vaterliebe Gottes in seinem hingebungsvollen Dienst an Sündern und Zöllnern, an Kranken und Ausgestoßenen und an allen, die einen guten Hirten für ihr Leben suchen. Und auch der Tod des Gottessohnes hat nur diesen einen Sinn: die Gemeinschaft des begnadigten Sünders mit dem himmlischen Vater zu ermöglichen. Gottes Kinder dürfen sich von nun an alle nennen, die sich von ihm haben finden lassen. „Abba, lieber Vater“ sagen sie deshalb, wenn sie zu ihrem Vater in den Himmeln beten (Galater 4,6).
Wo immer wir in die Geschichte Gottes mit seinen Menschen hineinschauen, immer wird eines deutlich: Gott will uns nahe sein und uns mit seiner Liebe und seinem Heil beschenken. Das ist der Ausgangspunkt, das Urgeschenk Gottes an uns Menschen. Wenn wir deshalb im Folgenden vom unbekannten Gott und vom Gott der Ferne reden, dürfen wir diese Grundlage nie aus den Augen verlieren! Wenn Gott uns also so nahe gekommen ist, warum bleibt er dann doch auch der uns Unbekannte? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.
2. Gott ist Schöpfer - wir sind Geschöpfe.
In der Tatsache, dass Gott unser Schöpfer ist, liegt nicht nur die Nähe Gottes zu uns begründet, sondern auch der Abstand zu ihm. Wir sind zwar geschaffen im Bilde Gottes, und Gott hat uns auf Gemeinschaft mit ihm angelegt (1. Mose 1,27). Aber dadurch wird der qualitative Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung nicht aufgehoben. Wir sind geschaffen im Bilde Gottes, aber wir sind nicht Gott. Alles was von Gottes Erhabenheit und Größe spricht, gilt ausschließlich für ihn und nicht auch für uns. Gott ist unbegrenzt und ewig. Wir sind begrenzt und zeitlich. Gott ist allmächtig, allgegenwärtig und allwissend. All das sind wir nicht. Wir erleben schmerzlich unsere Ohnmacht, sind in einem weiten Kosmos auf kleinem Raum eingeengt und kratzen mit unseren Wissenschaften gerade einmal an der Oberfläche des Seins. Dieser Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf bleibt bestehen, auch dann, wenn wir uns Kinder Gottes nennen und wenn der Heilige Geist in uns Wohnung genommen hat.
Ein wenig von dieser Größe Gottes erleben wir, wenn wir uns in einer klaren Sommernacht in den Sternenhimmel versenken und dabei eine Ahnung von Unendlichkeit bekommen. Gerade einmal zweitausend Sterne können wir mit bloßem Auge wahrnehmen. Das ist ein lächerlicher Bruchteil dessen, was sich in den Weiten des Kosmos als Himmelskörper bewegt. Aber welche Pracht liegt allein schon im Anblick dieses kleinen Ausschnitts der Schöpferherrlichkeit Gottes! Wie groß ist Gott! Und wie klein bin ich! Selbst wenn ich mir nun vor Augen halte, dass dieser weite Kosmos Schöpfung des Gottes ist, der mir in Jesus so ganz nahe kam, bleiben immer noch zwei sich widerstreitende Empfindungen: Dieser Schöpfergott ist mir ganz nahe, und er ist mir gleichzeitig ganz fern, weil unbegreiflich (vgl. Psalm 19). Dieses Staunen über Gott ist der Anfang der Anbetung. Wir beugen uns vor ihm und ehren und achten ihn als den Herrn der Welt. Vor ihm werden sich einmal alle Knie beugen (Epheser 3,14). Er wird die uneingeschränkte Anbetung seiner ganzen sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung bekommen, einfach weil er Gott ist. Anbetung also ist die angemessene Haltung, die das Geschöpf gegenüber seinem Schöpfer einnimmt. Es ist erlebte Nähe und gleichzeitig respektierte und akzeptierte Distanz zu Gott.
Weil Gott nun Schöpfer ist und wir anbetende Geschöpfe, muss Gott für uns unergründbar bleiben. Diese Einsicht ist geradezu Bestandteil unseres Gottesbildes. Was wäre, wenn wir Gott bis ins Letzte verstehen und ergründen könnten? Wenn wir Gott in eine schlüssige Theologie einfangen und alles Wissen über ihn zwischen zwei Buchdeckel einbinden könnten? „Das ist Gott!“ Statisch, in Dogmen festgehalten, hätten wir ihn im Gitternetz unser Logik. Und da käme er wohl auch nicht mehr heraus, weil wir ihn genau erfasst, ausgemessen, durchgelotet und eingeordnet hätten. Wollen wir wirklich einen Gott, den wir ganz durchschauen können? Wollen wir wirklich einen Gott, den wir berechnen können? Wäre das unsere Sehnsucht, einen Gott zu besitzen, der uns für unseren Verstand zurechtgestutzt begegnet? Ich denke nicht. Wir sehnen uns danach, einen Gott zu haben, der größer ist als wir; einen Gott, der uns als liebender Vater begegnet, und der trotzdem ganz Gott ist. Wenn wir aber einen solchen Gott wollen, dann werden wir ihn nie ausloten können. Er wird bei aller Nähe immer auch der Unbekannte und der Heilige bleiben.
3. Gott ist heilig - wir bleiben Sünder.
Gott ist uns in Christus ganz nahe gekommen. In Jesus haben wir die Vergebung unserer Schuld. Wir sind Kinder Gottes. Paulus schreibt im Kolosserbrief: „Ihr wart Gott entfremdet und Feinde Gottes“ (Kolosser 1,21). Sowohl mit unserer Haltung als auch mit unseren Taten haben wir diese Entfremdung von Gott immer wieder neu bestätigt. Aber durch Christus sind wir Gott nahe gekommen. Christus hat uns vor den Gnadenthron Gottes gestellt, so sagt Paulus, um uns vor Gott untadelig, straflos und sündlos hinzustellen (Kolosser 1,22). Gott sieht uns mit den Augen seines Sohnes an, der sein Leben für uns gegeben hat. Das ist die Basis, auf der unser Glaube ruht, das ist die Grundlage unserer Erlösung und Errettung. Christus hat uns Gott ganz nahe gebracht.
Aber trotzdem bleiben wir auch als Erlöste immer noch mit der Sünde verflochten. Wir sind zwar frei von der unausweichlichen Zwanghaftigkeit des Bösen. Aber wir wissen trotzdem nur zu gut, was Sünde ist, und wir tun sie auch. Das ist eine demütigende Erkenntnis, die gerade fromme Menschen oft sehr plagt. Es ist auch eine schwer zu akzeptierende Tatsache, aber sie ist unausweichlich. Trotz der Erlösung in Christus erleben wir Sünde - und damit auch Distanz zum heiligen Gott (1. Johannes 1,8-10).
Läuft uns nicht doch hier und da ein kleiner Schauer den Rücken hinunter, wenn wir uns vorstellen, dass wir morgen schon vor unserem Herrn und Heiland stehen könnten? Bekommen wir nicht auch als Erlöste ein wenig weiche Knie bei dem Gedanken, dass der heilige Gott unser Leben durchleuchtet und beurteilt? Gott ist heilig und er bleibt heilig. Und jeder wird sich vor ihm verantworten müssen. Gott ist uns auf der einen Seite ganz nahe, weil Christus für uns starb. Und trotzdem müssen wir Rechenschaft geben über unser ganzes Leben, weil Gott auch bei seinen Kindern fünfe nicht gerade sein lässt. Jeder wird vor seinem Gott und Heiland erscheinen. Und jeder wird sich dem Blick dieses heiligen, reinen und unnahbaren Gottes aussetzen müssen (Römer 14,10; 2. Korinther 5,10) .
Über drei Jahre hinweg bin ich jede Woche unterwegs gewesen und habe an Haustüren christliche Schriften verteilt. Dabei kommt man mit vielen Leuten ins Gespräch. Manche haben sich dabei sehr anklagend über Gott geäußert: „Wissen Sie, Sie mit ihrem Gott! Wenn ich einmal vor Gott stehe, dann werde ich ihn fragen, warum er dies alles hat zulassen können.“ Manchmal habe ich geantwortet: „Wissen Sie, ich glaube, das läuft ganz anders ab, als Sie sich das vorstellen. Sie werden einmal vor Gott stehen, genauso wie Sie das sagen. Dann werden Sie versuchen, Gott anzuschauen. Es wird Ihnen aber nicht gelingen, weil Sie merken, dass er Sie anschaut. Gott wird Sie mit seinen Augen nur streifen. Und Sie werden dann nur einen einzigen Satz sagen: ‚Gott, du hast in allem recht.‘ Das wird alles sein, was Sie herausbekommen werden. Sonst nichts.“
Natürlich müssen wir als Kinder Gottes keine Angst vor unserem himmlischen Vater haben. Christus ist für uns gestorben. Und trotzdem erleben wir um der Sünde willen, in die wir immer noch verflochten sind, die ganze Spannung zwischen der Nähe zum liebenden Vater und der Ferne zum heiligen Gott. Gottesliebe und Gottesfurcht sind keine Gegensätze. Sie sind die zwei Seiten der einen Beziehung zu unserem Schöpfer und Erlöser.
4. Gott ist souverän - er lässt nicht über sich verfügen
Eine weitere Überlegung muss ich anschließen, wenn es um die Frage nach dem unbekannten und fernen Gott geht. Die Ferne zu Gott ergibt sich nicht nur aus seinem Sein: Er ist Schöpfer, wir sind Geschöpfe; er ist heilig, wir sind Sünder. In diesem Sinne ist Gott nicht nur fern, er macht sich auch fern. Diesen vielleicht überraschenden Gedanken, dass sich Gott ganz bewusst ferne macht, finden wir in zahlreichen Stellen der Heiligen Schrift. Immer geht es darum, die Beziehung zu Gott vor einer plumpen Vertraulichkeit zu schützen und der Versuchung zu widerstehen, aus dieser falschen Vertrautheit heraus über Gott verfügen zu wollen.
Wir kennen dieses Phänomen aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Was tun Verliebte nicht alles, um einander zu gefallen! Sie überschütten sich mit kleinen und großen Aufmerksamkeiten und sind bemüht, dem anderen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Nach ein paar Jahren Ehe lässt diese Aufmerksamkeit schnell nach. Die inzwischen zur Gewohnheit gewordene Nähe wird zur Ausrede, über den anderen verfügen und vornehmlich von ihm haben zu wollen. Der Verlust an Distanz führt zum Verlust an Respekt. Eine ganz ähnliche Entwicklung kann unsere Beziehung zu Gott nehmen. Die Tatsache, dass Gott uns nahe ist, könnte uns nämlich dazu verführen, dass wir den Respekt vor ihm verlieren und dass wir über ihn verfügen wollen. Mit Worten erklären wir: „Herr, du darfst über mich bestimmen.“ Mit unserem Verhalten aber sagen wir: „Weil du ‚mein‘ Gott bist, darf ich dich ‚einsetzen‘, wo ich es will.“ Damit wir Gott nicht in dieser Haltung begegnen und aus einem lebendigen Gott einen toten Götzen machen, muss er sich unserem Zugriff entziehen und sich ferne machen. An einer Reihe von biblischen Beispielen möchte ich diesen Gedanken vertiefen.
4.1 Gott bleibt verborgen.
Obwohl Gott seiner Schöpfung ganz nahe gekommen ist, bleibt er unseren Augen verborgen. Niemand hat Gott jemals gesehen und niemand kann ihn sehen (Johannes 1,18; 1. Timotheus 6,16). Das gilt für Adam und Eva genauso wie für die Patriarchen und für uns heute. Israel sah eine Wolkensäule und eine Feuersäule, aber nicht den lebendigen Gott. Selbst ein Mose konnte Gott nur mit verhülltem Angesicht und nur von hinten schauen, als er auf dem Berg Sinai war. Aber Gott selbst konnte er um der Heiligkeit Gottes willen nicht sehen (2. Mose 33,23). Gott bleibt verhüllt und entzieht sich damit unserem Zugriff.
4.2 Gott lässt sich nicht in ein Bild zwängen.
Gerade als Gott einen Bund mit Israel schließt und sich diesem Volk so nahe macht wie keinem anderen Volk, entzieht er sich ihm gleichzeitig durch das Verbot von Gottesbildern. „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen“, lautet das zweite Gebot (2. Mose 20,4). Der Sinn dieses Bilderverbots liegt weniger darin, dass wir uns eine falsche Vorstellung von Gott machen könnten. Es geht vielmehr darum, dass wir mit einem Bild von Gott wie mit einem Besitz umgehen könnten, über den wir verfügen, wie wir es gerne hätten. Das genau war die Praxis im heidnischen Umfeld Israels. Man meißelte sich seinen Gott aus einem Stein oder schnitzte ihn sich aus einem Stück Holz und stellte ihn dort auf, wo man ihn brauchte: im Tempel, im Wohnhaus, an Plätzen und Straßen - wo auch immer. Man hatte die Götter im Griff und konnte ihren Segen genau dort und dazu beschwören, wo man es für nötig hielt. Im Grunde genommen ist es völlig gleich, ob wir unser Bild von Gott mit primitiven Werkzeugen aus Stein meißeln oder ob wir uns ein modernes und intellektuell-philosophisches Gottesbild zurechtzimmern - immer zwängen wir Gott in unsere Vorstellungswelt, um ihn genau zu definieren und um im letzten Sinn irgendwie über ihn zu herrschen. Das Bilderverbot des Dekalogs warnt uns also nicht nur davor, uns falsche Vorstellungen über Gott zu machen. Es mahnt uns, Gott Gott sein zu lassen.
4.3 Gott entzieht sich unserem Zugriff.
Ebenfalls in den zehn Geboten wird Israel dazu verpflichtet, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen (2. Mose 20,7). Wir denken schnell daran, dass man den Namen Gottes nicht zum Fluchen oder zur Beeidigung falscher Schwüre verwenden soll, was sicherlich völlig richtig ist. Aber das eigentliche Problem, das im Hintergrund dieses Gebotes steht, ist ein anderes: Der Name Gottes wurde im heidnischen Umfeld zu magischen Zwecken missbraucht. Wir kennen das aus den Märchenerzählungen: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Wer den Namen hat, der kann über den anderen und dessen Kräfte verfügen. Namenszauber wird bis heute betrieben und gehört in den Bereich okkulter Praktiken.
Als Gott die Gebote gab, sah er also die reale Gefahr, dass auch sein Volk magisch mit seinem Namen umgehen könnte und sich Gott auf diese Weise verfügbar machte. „Im Namen Jesu“, sagen wir. Aber vielleicht ist es gar nicht so im Sinne Jesu, was wir von uns geben. Muss sich Gott zu unserer Sache stellen, nur weil wir uns in seinem Namen geäußert haben? Lässt sich sein Segen herabzwingen, weil wir seinen Namen verwendet haben? Vielleicht macht sich Gott ferne, weil er sich nicht zwingen lässt.
4.4 Gott lässt sich nicht vor unseren Karren spannen.
Ich möchte noch einmal auf den Bibelvers aus Jeremia 23 zu sprechen kommen, den ich eingangs zitiert habe. „Bin ich etwa nur ein Gott aus der Nähe, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott aus der Ferne?“ Jeremia musste Israel im Auftrag Gottes Gericht ankündigen. Aber diese Botschaft kam nicht gut an, so dass sich falsche Propheten aufmachten und eine wohlklingende Gegenprophetie unter das Volk brachten: „Gott ist mit uns. Er wohnt in seinem Tempel; es kann uns nichts passieren. Es wird Friede sein.“ Israel glaubte, dass der Tempel die Gegenwart Gottes auf alle Fälle garantiere. Man hatte Gott sozusagen „im Kasten“. Mit dieser Tempeltheologie war Gott in seiner eigenen Wohnung eingesperrt und musste Israel nun vor den Babyloniern schützen. „Mit Gott im Kasten sind wir sicher!“ Gott antwortete: „Dass ihr euch da mal nicht irrt. Vielleicht bin ich schon gar nicht mehr da, wo ihr mich vermutet. Vielleicht bin ich ein Gott der Ferne. Vielleicht habt ihr nur noch einen leeren Tempel. Aber ihr habt nicht bemerkt, dass ich nicht mehr drin bin. Ich lasse mich von euch nicht in mein eigenes Heiligtum einsperren, damit ihr nicht Buße tun müsst und weiter ‚Friede, Friede‘ rufen könnt.“ Gott lässt nicht über sich verfügen und sich vor den Karren unserer eigenen Interessen spannen. Er ist souverän.
4.5 Gott lässt sich nicht nötigen.
Auch die fromme Nötigung ist ein Versuch, über Gott verfügen zu wollen. Und auch hier verweigert sich Gott und entzieht sich. Als Satan Jesus versuchte, drängt er ihn zu einer solchen Nötigung Gottes. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann wirf dich (von der Tempelzinne) hinab; denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen ...‘“ (Matthäus 4,6). Warum geht Jesus nicht auf dieses „Angebot“ ein? Der Satan hatte Psalm 91 doch richtig zitiert. Jesus springt deshalb nicht, weil er Gott nicht zwingen und nötigen will. Es ist eine interessante Frage darüber zu spekulieren, ob Gott seine Engel wirklich geschickt hätte oder nicht. Hätte er sich sogar gegenüber seinem Sohn als der ferne Gott gezeigt und die Sendung von Engeln verweigert? Jesus widerstand der Versuchung, Gott zu nötigen und ihn zur inneren Distanz selbst seinem Sohn gegenüber zu zwingen.
Gott bleibt verborgen, er lässt sich in kein Bild zwängen, er entzieht sich unserem Zugriff, er lässt sich nicht vor unseren Karren spannen und sich von uns nötigen. Wo immer das geschieht, macht sich Gott von einem nahen zu einem fernen Gott, der uns verunsichert, uns überrascht, uns hängen und fragend und zweifelnd stehen lässt. Ist es nicht manchmal ein hauchdünnes Eis zwischen „Ich glaube Gott“ oder „Ich verfüge über Gott“? - ein hauchdünne Eis zwischen „Herr, segne mein Vorhaben“ und der Tatsache, dass ich gar nicht so genau gefragt habe, ob Gott das eigentlich will, was ich vorhabe? Wir bitten um Gesundheit und erwarten, dass er das genau auf die Weise tut, die wir uns vorstellen. Wir haben ein geschlossenes theologisches Konzept und wundern uns, dass Gott den Rahmen dieses Korsetts sprengt. Gott widersteht dem sanften Druck, den wir noch Glauben nennen, der Gott in Wirklichkeit aber nur abtrotzen möchte, was uns als gut erscheint. Gott bleibt in seinen Entscheidungen souverän und handelt, wenn er möchte, auch gegen unsere Konzepte, Hoffnungen, Wünsche und Gebete. Er ist größer als unsere Vorstellungen und als das Bild, das wir uns von ihm machen.
5. Erst in Nähe und Ferne zugleich erschließt sich Gott in seinem ganzen Wesen.
Fatal wäre es, die unbekannte Seite Gottes gegen seine uns zugewandte ausspielen zu wollen. Gottes Nähe und Gottes Ferne gehören zusammen wie die zwei Seiten ein und derselben Münze. Diese Spannung müssen wir durchhalten, wenn wir ein falsches Gottesbild und damit auch einen kränkelnden Glauben vermeiden wollen.
Wer einseitig nur die Ferne Gottes betont, wird sich ganz schnell in einer sterilen und kalten Glaubensatmosphäre wiederfinden. Er wird Mühe haben, eine Aussage über Gottes Wesen und Handeln zu machen, obwohl Gott sich selbst offenbart und seine uns zugewandte „Seite“ gezeigt hat. Er wird Gottes Souveränität als Willkür und Lieblosigkeit missverstehen und sich diesem unverständlichen und unnahbaren Gott nur noch distanziert und mehr oder weniger schicksalsergeben unterordnen. Er wird kaum mehr einem liebenden Vater begegnen, sondern sich einem heiligen Schöpfergott gegenüber sehen, der weit entfernt vom wirklichen Lebensvollzug in den Himmeln thront und kein wirkliches Interesse an ihm hat. Wer dagegen nur die Nähe Gottes betont, steht in Gefahr, sich einen Wohlfühlgott zu basteln, mit dem er plump vertraulich umgehen kann. Er wird immer wieder aufpassen müssen, dass er Gottes Wille und eigene Wünsche nicht verwechselt. Er wird Mühe haben, unverständliche und schwere Wege Gottes anzuerkennen und dabei nicht an der Vaterliebe Gottes zu zweifeln. Er wird es vielleicht mit der Sünde nicht mehr so ernst nehmen, weil der Gedanke der Heiligkeit Gottes eher in die Ferne gerückt ist.
Nähe und Ferne Gottes sind die zwei Seiten ein und derselben Gotteserfahrung. Wir müssen diese Spannung durchstehen. Wir dürfen Gott nicht in einen Gott der Nähe und einen Gott der Ferne aufspalten, so dass wir innerlich zerrissen werden. Wir dürfen Gott aber auch nicht einseitig auf einen Gott der Nähe oder auf einen Gott der Ferne verkürzen. Wir glauben an den einen Gott, der verborgen ist und sich uns doch bekannt macht und der uns ferne ist und doch gleichzeitig ganz nah. Wir glauben an einen Gott, der uns bekannt ist und doch immer wieder verborgen bleibt, und der uns nah ist und gleichzeitig als unser Schöpfer und als der Heilige fern bleibt. Ob Gott der Ferne oder Gott der Nähe - er bleibt uns aber immer in Liebe zugewandt.
Diese Spannung können wir tragen, weil Gott sich uns versprochen hat. Er hat uns verheißen, dass er uns nahe ist. Wir können Gott nicht festlegen, aber er selbst hat sich festgelegt und durch seine Zusage gebunden. Wir glauben ihm, weil er die Zuverlässigkeit und die Liebe in Person ist. Was uns am Wesen Gottes und an seinem Handeln jetzt noch unverständlich bleibt, wird seine Antwort finden, wenn sich sein zukünftiges Reich vollendet und wenn wir ihn sehen, wie er ist. Dann wird aus Glauben Schauen. Dann wird das Unverständliche verständlich. Dann werden wir den unbekannten und den bekannten, den fernen und den nahen Gott in einem sehen, und wir werden keine Fragen mehr haben (1. Korinther 13,12).
Lässt sich diese Spannung wirklich leben? Ich denke ja. Ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis. Ein Pfarrer geht nach einem entbehrungsreichen Dienst in einem schwierigen Umfeld in Pension. Zusammen mit seiner Frau zieht er in eine andere Gegend. Das Ehepaar will die noch verbleibenden Jahre genießen und endlich mehr Zeit füreinander haben. Der plötzliche Tod des Ehemanns macht alle Zukunftspläne zunichte. Die zurückgebliebene Ehefrau ringt mit Gott. Der Umzug, die neue Wohnung, die neuen Möglichkeiten - waren das nicht alles gute Führungen Gottes gewesen? Und wenn schon der Verlust des Ehemanns, warum gerade jetzt? Sie bekommt keine Antwort auf ihre Fragen; Gott schweigt. Obwohl sie schmerzlich auch den „unbekannten Gott“ kennen lernen muss, hält sie an ihrem Vertrauen zu ihm fest. Auf den Grabstein ihres Mannes lässt sie schreiben: „Gott, dein Weg ist heilig.“ Das war ihre Art zu sagen: „Gott, ich kenne dich kaum wieder, und doch bist du mir so vertraut. Du bist mir fern und doch ganz nah. Ich verstehe dich nicht, aber ich weiß, dass du mich liebst.“ Wir sollten Gott auf unsere Art das gleiche sagen.
Wolfgang Klippert
Wolfgang Klippert ist Lehrer für Kirchengeschichte, Neues Testament und Homiletik an der Bibelschule Wiedenest.
Dieser Artikel ist ein Kapitel aus dem Buch „Die Andere Seite Gottes“, Horst Afflerbach (HG.), 2. erg. Auflage 2009, Jota-Puplikationen, Abdruck mit freundlicher Genehmigung
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