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WUNDER - Vom Glauben und Sehen
Wunder: weder unmöglich noch gewöhnlich Bei der Frage nach Wundern gibt es zwei

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PERSPEKTIVE Mai - Juni 2017
Thema:
WUNDER - Vom Glauben und Sehen

Inhalt:


 

img/pp_grundlayout_07.jpgAUS DER PRAXIS


img/pp_grundlayout_07.jpgAKTUELLES


img/pp_grundlayout_07.jpgDENKEN

• Was ist ein Wunder?
• Wunder: Weder unmöglich noch gewöhnlich
• Glauben und/oder sehen
Was er euch sagt, das tut!
Einmalig - zur bestimmten Zeit am richtigen Ort
•Die Kennzeichen des Messias

img/pp_grundlayout_07.jpgGLAUBEN

Bewirken Wunder Glauben?
• Erwartungsvoll beten
• Die größten Wunder
• ...und sie wunderten sich!

 img/pp_grundlayout_07.jpgGESELLSCHAFT

• 

img/pp_grundlayout_07.jpg LEBEN
• Augen auf für Gottes Wunder im Alltag
• Sehnsucht nach Heilung
• Kraft zur Veränderung
• Weil es geschrieben steht
Tagebuch (m)einer Bibel
• Gott spricht unsere Sprache
•Warum greift Gott nicht ein?

 

 


 

Wunder: weder unmöglich noch gewöhnlich

 Bei der Frage nach Wundern gibt es zwei Extreme, die beide falsch sind. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die überhaupt nicht – mehr – an Wunder glauben. Auf der anderen Seite werden Wunder zu etwas Normalem, zu etwas, was verfügbar ist, wenn man in der richtigen Weise glaubt und betet.

Wunder: weder unmöglich noch gewöhnlich
„Jede Beurteilung der Wunder geht aus von einem Vorverständnis über die Naturordnung“, schreibt das „Lexikon zur Bibel“ (Rienecker/Maier).
Aber was sind Wunder? Ein Wunder ist ein „Erstaunen verursachendes, ungewöhnliches Ereignis“. (1) C. S. Lewis definiert so: „Ich benutze das Wort Wunder als Bezeichnung für ein Eingreifen übernatürlicher Mächte in die Natur.“ Daraus folgt: „Wenn es über die Natur hinaus nichts gibt, das wir das Übernatürliche nennen können, sind Wunder unmöglich.“ (2) Damit kommen wir zum ersten Irrtum über Wunder.


Wenn Wunder geleugnet werden
Auf der Seite der Wunderleugner gibt es die große Gruppe der Naturalisten. Ein Naturalist ist jemand, der behauptet, dass es nur Natur gibt. Er glaubt, dass alles, was ist, Materie ist. Es gibt nichts über die Natur hinaus: keinen Gott, aber auch keine Werte, keine Schönheit, keinen Sinn. Es gibt ja nur Materie – alles, was ist, ist stofflich. Da ist kein Raum für Geistiges. Der Kosmos ist eine riesige komplexe Maschine, die nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung funktioniert. Dass es in so einer Weltanschauung keinen Raum für Wunder gibt, ist logisch. Aber die Annahme, dass alles, was ist, nur Natur und Materie sei, ist eine Glaubensaussage. Denn es gibt ja sehr gute Gründe, entgegengesetzt zu glauben, dass es etwas über die Natur hinaus gibt. Viele Menschen setzen stillschweigend voraus, dass das Leben einen Sinn hat und dass es Gut und Böse gibt. Zumindest glauben sie, dass bestimmte Handlungen von Menschen böse sind (z. B. Terroranschläge). Der Naturalist rechnet nicht mit Wundern, weil er sie von vornherein ausgeschlossen hat. „Es gibt nur Natur“ – das ist ein Glaubenssatz!
Es gibt aber auch Menschen, die Wunder ausschließen, und trotzdem an einen „Gott“ glauben. Diese Position nennt man Deismus, eine Weltanschauung, die besonders in der Zeit der Aufklärung populär war. Hier glaubt man, dass es einen Verursacher (Schöpfer) des Universums gibt, der sich aber zurückgezogen hat und nicht mehr eingreift. Leibnitz stellte Gott als einen Uhrmacher dar, der ein perfektes Uhrwerk geschaffen und in Gang gesetzt hat, das nun von selbst weiterläuft. Der Deismus sagt: Gott hat die Uhr aufgezogen, greift aber nicht mehr ein. Gott und Welt sind vollständig getrennt. Wunder oder Reden Gottes sind nicht möglich. Dieser „vernünftige Gottesglaube“ hat aber nur noch wenig mit dem christlichen Offenbarungsglauben gemein.
Es gibt aber auch eine „christliche Variante“ des Deismus. Hier glaubt man aus bestimmten theologischen Gründen, dass Gott heute nicht mehr in die Welt eingreift. Die Offenbarung und die biblischen Wunder werden hier nicht prinzipiell geleugnet, es wird nur behauptet: Es gibt sie heute nicht mehr. Die Zeit der Wunder sei vorbei. Oft denkt man so, um sich vor einer extremen und schwärmerischen Wunderlehre zu schützen. Diese Position ist aber so biblisch nicht haltbar. Sie widerspricht auch der „Freiheit Gottes“: Wer wollte Gott vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat?


Wenn Wunder machbar werden
Wenden wir uns dem anderen Extrem zu: Hier werden Wunder fast zu etwas Normalem. Zu Recht weisen diese Christen darauf hin, dass das Neue Testament einen Zusammenhang zwischen unserem Glauben und Gebet auf der einen und Gottes wunderbaren Eingreifen auf der anderen Seite aufzeigt. Sie betonen aber nicht so sehr das Wirken Gottes, sondern unseren Glauben und die „Kraft“ des Gebetes.
So kann unser „Senfkornglaube“ dann tatsächlich Berge versetzen. Dass Jesus in Mt 17,20 in einem Bildvergleich redet – „Glauben wie ein Senfkorn“ – wird dann manchmal übersehen. Wenn Wunder nicht geschehen – so diese Lehre – liegt dies an unserem Glauben. Glaube wird so zu einer fast magischen Kraft, einer Vollmacht über göttliche Kräfte. Wenn wir die richtigen Sätze vollmächtig sagen (gebieten), geschieht etwas. „Das Wunder ist in deinem Mund“, hieß ein populärer Buchtitel aus dieser Richtung. Wunder werden hier fast menschenverfügbar, wenn wir richtig glauben und handeln.
Diese Sicht übersieht jedoch, dass Wunder per Definition das Besondere, das nicht Alltägliche, die Ausnahme sind. Wunder sind etwas Außergewöhnliches, nicht die Regel. Sie bleiben für uns Menschen unverfügbar. Gott kann eingreifen – muss aber nicht. Gott ist frei! Es bleibt etwas Besonderes, wenn er es tut – eben ein Wunder. Auch der richtige und wichtige Zusammenhang von Glauben und Gebet und Gottes wunderbarem Eingreifen ist nicht kalkulierbar. Und wenn wir noch so fromm und glaubensstark werden: Gott bleibt Gott, wir bleiben Menschen – Geschöpfe. Deshalb glauben wir an einen „starken Gott“. Wir glauben nicht an einen „starken Glauben“.


Ein Buch voller Zeichen und Wunder?
Oft wird gesagt, dass die Bibel ein Buch voller Zeichen und Wunder ist. Das ist aber nicht richtig so. Die Bibel kennt viele Themen. Zeichen und Wunder gehören klar mit dazu, sind aber nicht das zentrale Thema.
Es fällt auf, dass sich Wunder zu manchen Zeiten häufen. Bei der Einführung neuer Heilszeiten wirkt Gott vermehrt Wunder als göttliche Bestätigung: bei der Entstehung des Volkes Israel, bei der Einführung des König- und Prophetentums, beim Kommen des Messias auf die Welt, in der Zeit der Apostel und der Entstehung der Gemeinde. In diesen besonderen und einmaligen Zeiten finden wir eine Häufung von Wundern. Zu anderen Zeiten treten sie eher zurück.
Heißt das nun, dass Gott in unserer Zeit keine Wunder mehr tut? Nein, ganz sicher nicht! Es zeigt aber, dass Wunder nicht der verfügbare Standard sind. Sie sind und bleiben Ausnahmen – sonst wären es ja auch keine Wunder. Wunder sind das Außergewöhnliche, nicht das Normale – per Definition.
Das ist auch keine Abwertung der Macht Gottes, denn Gott wirkt ja auch im Normalen. Die Welt wird jede Sekunde durch Christus erhalten. Auch das Alltägliche ist Gottes Wirken. Er ist der Schöpfer und Erhalter der Welt. Deshalb danken wir ihm für das tägliche Brot, die Gesundheit, den Frieden usw.

Unterschiedliche Quellen von Wundern
Dass ein Wunder geschieht, besagt auch noch nicht zwingend, dass es von Gott bewirkt wurde. Auch in anderen Religionen geschehen Wunder. Es gibt Heilungen durch Magie und okkulte Kräfte. Wobei hier nicht alles okkult sein muss. Es gibt sicher auch ein großes Spektrum an seelischen Phänomenen. Die Bibel spricht deutlich von endzeitlicher Verführung durch Wunder (ganz klar: Mt 24,24; 2Thes 2,9).
Auch ist die Wirkung von göttlichen Wundern begrenzt: Sie führen nicht zwingend zum Glauben. Der Ansatz des „Power-Evangelism“, der davon ausgeht, dass der Widerstand des Menschen durch Zeichen und Wunder überwunden wird, ist historisch nicht richtig (z. B. Joh 12,37) und auch nicht durch die Erfahrung gedeckt.
Denn: Jedes Wunder muss interpretiert werden. Der, der nicht glauben will, findet auch nach einem Wunder genügend Gründe, nicht zu glauben.

Unser Christenleben ist ein Leben im Glauben, nicht im Schauen oder Erleben (2Kor 5,7). Wir glauben an die Macht und Herrlichkeit unseres Herrn. Auch heute! Und trotzdem sehen wir „jetzt aber ... ihm noch nicht alles unterworfen“ (Hebr 2,8).
Es gilt aber auch, dass Gottes Wort ganz klar auf den Zusammenhang von Gebet und Glauben und dem Wirken Gottes hinweist. „Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet“ (Jak 2,8; siehe auch Lk 11,8ff. u. a.). Hier fordern mich meine charismatischen Mitchristen heraus, auch wenn ich ihre Theologie in manchen Punkten nicht teilen kann. Und vielleicht ist gerade das Gebet das, was DEN großen praktischen Unterschied zwischen Naturalismus und christlichem Glauben macht: Weil wir glauben, dass da draußen jemand ist, der uns kennt, uns liebt, uns hört und der eingreifen kann – deshalb beten wir.

Ralf Kaemper

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